Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Lebensmittel 36 Prozent teurer: Schaut die Regierung zu?

Kurzfassung

Lebensmittel und alkoholfreie Getränke verteuerten sich in Deutschland von Anfang 2020 bis Mitte 2025 um 36,3 Prozent, während der allgemeine Verbraucherpreisindex um rund 22 Prozent stieg. Besonders stark betroffen waren Geflügel, Molkereiprodukte, Eier, Speisefette, Öle und Zucker. Die Linke fordert eine Preisbeobachtungsstelle, Eingriffe in die Marktmacht großer Handelskonzerne und die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel. Doch welche Maßnahmen helfen tatsächlich – und weshalb akzeptiert die Bundesregierung ausgerechnet beim täglichen Einkauf so wenig Transparenz? 1Lebensmittelpreise deutlich stärker gestiegen als Inflation
Der Bericht nennt den Preisanstieg von 36,3 Prozent und dokumentiert die Forderungen der Linken-Politikerin Ina Latendorf.

 

Artikel

Der tägliche Einkauf ist kein Luxus, keine Geldanlage und kein freiwilliges Konsumexperiment. Gegessen werden muss immer. Umso brisanter ist die Feststellung, dass sich Lebensmittel und alkoholfreie Getränke von Januar 2020 bis Juni 2025 um 36,3 Prozent verteuert haben, während der allgemeine Verbraucherpreisindex im gleichen Zeitraum um rund 22 Prozent zulegte. Wie lange kann eine Regierung eine solche Lücke als normale Marktbewegung behandeln, bevor daraus eine soziale und wettbewerbspolitische Frage wird? Die Zahlen belegen keinen flächendeckenden Preismissbrauch. Sie belegen aber, dass der Kassenbon erheblich schneller gewachsen ist als das durchschnittliche Preisniveau. 2Preisentwicklung für Nahrungsmittel bis Juni 2025
Die Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes dokumentiert die Entwicklung der Verbraucherpreise für Lebensmittel von Januar 2020 bis Juni 2025.

Der Kassenbon ist sozialer als jede Statistik

Besonders kräftig stiegen nach Angaben der Bundesregierung die Preise für Geflügelfleisch, zahlreiche Molkereiprodukte, Eier, Speisefette, Speiseöle und Zucker. Geringer fiel die Teuerung unter anderem bei Obst, Fisch, Meeresfrüchten, Getränken und Fertiggerichten aus. Diese Differenzierung ist wichtig: Die Zahl von 36,3 Prozent bedeutet nicht, dass jedes Lebensmittel exakt so viel teurer wurde oder die Preise aktuell mit derselben Geschwindigkeit weitersteigen. Sie beschreibt einen kumulierten Durchschnitt. Für Verbraucher ist dieser statistische Hinweis jedoch nur begrenzt tröstlich. An der Kasse zählt nicht der Durchschnitt, sondern die konkrete Summe für Milch, Brot, Eier, Fleisch, Gemüse und Öl. 3Bezahlbarkeit von Lebensmitteln bei fairen Erzeugerpreisen
Die Kleine Anfrage thematisiert Preisentwicklung, Handelsmargen, Marktkonzentration, versteckte Verteuerungen und mögliche Maßnahmen zur Entlastung der Verbraucher.

Die Belastung trifft zudem nicht alle Haushalte gleich. Wer ein hohes Einkommen erzielt, kann steigende Lebensmittelkosten häufig durch geringere Sparraten oder den Verzicht auf andere Ausgaben auffangen. Bei niedrigen Einkommen konkurriert der Einkauf dagegen unmittelbar mit Miete, Energie, Mobilität und notwendiger Kleidung. Nach Ergebnissen der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe verwenden einkommensschwache Haushalte einen besonders großen Anteil ihrer Mittel für Grundbedürfnisse. Damit wirkt die Lebensmittelteuerung faktisch regressiv: Je weniger ein Haushalt besitzt, desto schwerer wiegt jeder zusätzliche Euro auf dem Kassenbon. 4Konsumausgaben und Lebenshaltungskosten
Destatis zeigt, dass Haushalte mit geringem Einkommen einen besonders hohen Anteil ihrer Ausgaben für Lebensmittel und Wohnen aufbringen.

Die Ursachen des Preissprungs sind vielschichtig. Pandemiebedingte Lieferprobleme, gestiegene Energie- und Transportkosten, teurere Düngemittel, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, Ernteausfälle und internationale Rohstoffschwankungen haben die gesamte Wertschöpfungskette belastet. Hinzu können höhere Lohn-, Verpackungs- und Finanzierungskosten kommen. Ebenso wäre es unseriös, Gewinne grundsätzlich aus der Analyse auszublenden. Eine Untersuchung des Internationalen Währungsfonds kam für die Eurozone zu dem Ergebnis, dass Importpreise und Unternehmensgewinne in der Inflationsphase 2022 und Anfang 2023 erhebliche Beiträge leisteten. Das beweist allerdings weder überhöhte deutsche Supermarktpreise noch illegale Absprachen. 5Euro Area Inflation after the Pandemic and Energy Shock
Das Arbeitspapier zerlegt die Inflation der Eurozone in Beiträge von Importpreisen, Unternehmensgewinnen, Löhnen und weiteren Kostenfaktoren.

Vier Konzerne, aber kein Beweis für Preisabsprachen

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist hoch konzentriert. Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland vereinen nach Angaben des Bundeskartellamtes mehr als 85 Prozent des Umsatzes auf sich. Das ist noch kein Beweis dafür, dass diese Unternehmen gemeinsam Preise festsetzen oder die Teuerung verursacht haben. Eine solche Behauptung wäre ohne belastbare Ermittlungen unzulässig. Die Konzentration schafft jedoch eine erhebliche strukturelle Machtposition: gegenüber Lieferanten, kleineren Wettbewerbern und letztlich auch gegenüber Verbrauchern. Wer den größten Teil des Marktes kontrolliert, prägt Sortimente, Konditionen, Eigenmarken und den Zugang zu den Verkaufsflächen. 6Jahresbericht des Bundeskartellamtes 2025/26
Der Jahresbericht beziffert den gemeinsamen Umsatzanteil von Edeka, Rewe, Aldi und Schwarz-Gruppe im Lebensmittelhandel auf mehr als 85 Prozent.

Auch die Monopolkommission sieht die Konzentration kritisch. Ihr Sondergutachten zur Lebensmittellieferkette beschreibt zunehmende Marktmacht im Handel und teilweise bei Herstellern sowie gestiegene durchschnittliche Margen. Gleichzeitig warnt die Kommission davor, jede Preisentwicklung monokausal dem Einzelhandel zuzurechnen. Genau an diesem Punkt muss die Debatte sauber bleiben: Marktmacht ist ein erhebliches Wettbewerbsrisiko, aber noch kein Beweis für konkrete Manipulation. Sie rechtfertigt schärfere Kontrolle, bessere Daten und eine konsequente Fusionsaufsicht – nicht automatisch staatlich festgelegte Verkaufspreise. 7Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette
Das Sondergutachten analysiert Konzentration, Margenentwicklung, Verhandlungsmacht und Wettbewerbsprobleme auf mehreren Stufen der deutschen Lebensmittellieferkette.

Die Bundesregierung vertritt eine zurückhaltendere Position. In einer Antwort vom Juni 2026 erklärte sie, keinen spezifischen Zusammenhang zwischen krisenbedingten Lebensmittelpreisen und der Marktstruktur des Einzelhandels zu sehen. Steuerliche Änderungen bei Lebensmitteln seien derzeit nicht vorgesehen. Auch eine Preis- und Kostenbeobachtungsstelle nach französischem oder spanischem Vorbild lehnt sie ab. Als Gründe nennt sie erheblichen Personal- und Finanzbedarf, fehlende Kostendaten und den Schutz von Geschäftsgeheimnissen. Das klingt verwaltungstechnisch nachvollziehbar. Politisch wirkt es dennoch wie eine Kapitulation vor der Intransparenz: Gerade weil Daten fehlen, soll auf ihre systematische Erhebung verzichtet werden. 8Kriege und Krisen als Preistreiber im Lebensmittelsektor
Die Bundesregierung verneint einen spezifischen Zusammenhang zur Marktstruktur und lehnt Mehrwertsteueränderungen sowie eine umfassende Preisbeobachtungsstelle derzeit ab.

Transparenz statt politischer Blindflug

Eine Preisbeobachtungsstelle würde nicht automatisch niedrigere Preise schaffen. Sie könnte aber offenlegen, auf welcher Stufe sich Preise, Kosten und Margen besonders stark auseinanderentwickeln. Genau darin liegt ihr Wert. Eine Machbarkeitsstudie des Verbraucherzentrale Bundesverbandes kommt zu dem Ergebnis, dass ein solches Instrument grundsätzlich umsetzbar wäre, sofern Meldepflichten, Zuständigkeiten und der Umgang mit vertraulichen Unternehmensdaten klar geregelt werden. Wer dagegen eine Begrenzung von Gewinnmargen fordert, muss wesentlich genauer erklären, welche Marge gemeint ist, wie notwendige Investitionen berücksichtigt werden und wie Ausweichreaktionen verhindert werden sollen. Pauschale Margendeckel können Lieferengpässe, Qualitätsverluste oder eine Verlagerung von Kosten auslösen. 9Machbarkeitsstudie für eine Preisbeobachtungsstelle
Die Studie beschreibt Aufgaben, Datenbedarf, rechtliche Voraussetzungen und mögliche Organisationsformen einer Beobachtungsstelle entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette.

Nullsteuer oder zielgenaue Entlastung?

Auch die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel klingt einfacher, als sie fiskalisch ist. Die Bundesregierung räumt ein, dass einkommensschwache Haushalte überproportional für Lebensmittel ausgeben und Steuersenkungen in diesem Bereich vergleichsweise stark an Verbraucher weitergegeben werden. Ein Nullsteuersatz auf bereits ermäßigt besteuerte Lebensmittel und Leitungswasser würde nach ihrer Schätzung jedoch rund 18 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Bei einer Ausweitung auf weitere Lebensmittel könnten es bis zu 22 Milliarden Euro werden. Eine solche Entlastung wäre sichtbar und unbürokratisch, würde in absoluten Beträgen aber auch Haushalten zugutekommen, die keine Unterstützung benötigen. 10Auswirkungen veränderter Umsatzsteuersätze
Die Bundesregierung beziffert die Kosten eines Nullsteuersatzes und bestätigt eine relativ hohe Weitergabe von Steuersenkungen bei Lebensmitteln.

Die überzeugendste Antwort liegt deshalb vermutlich nicht in einer einzigen spektakulären Maßnahme. Notwendig wären eine echte Preis- und Margentransparenz, eine strengere Kontrolle weiterer Übernahmen, konsequente Missbrauchsverfahren, bessere Vergleichsmöglichkeiten für Verbraucher und zielgerichtete Entlastungen für Haushalte mit niedrigen Einkommen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob jeder Preisanstieg politisch verhindert werden kann. Das kann er nicht. Erklärungsbedürftig ist vielmehr, weshalb der Staat bei einem der konzentriertesten und sozial sensibelsten Märkte des Landes so wenig darüber wissen will, wer zwischen Acker, Fabrik und Supermarktkasse welchen Anteil erhält.

 

Pressekontakt:
Europe Media House AG
Redaktion Wirtschaft
Bahnhofstrasse 19
9100 CH-Herisau
E-Mail: info(at)emhmail.ch
Internet: www.europe-media-house.com

Aktuelle Dossiers:
nondubito
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.