Kurzfassung
Energy Towers verspricht nichts weniger als Strom aus industrieller Abwärme, Leistungen bis fünf Megawatt und Energie für bis zu 12.000 Haushalte. Aktien existieren bereits, der Börsenhandel wird für 2027 angestrebt. Der entscheidende industrielle Prototyp soll jedoch ebenfalls erst bis Ende 2027 entstehen. Das muss kein Widerspruch sein. Für Anleger bleibt aber die zentrale Frage: Was ist heute technisch und wirtschaftlich bereits bewiesen – und was ist bislang primär Erwartung?
Inhaltsverzeichnis
Die Idee klingt gut. Sogar verdammt gut.
Energy Towers will aus industrieller Abwärme Strom machen. Vereinfacht gesagt: Wärme setzt ein Auftriebssystem in Bewegung, daraus entsteht mechanische Energie und am Ende Strom. Und zwar nicht ein bisschen.
Die Rede ist von Anlagen zwischen 100 kW und 5 MW, bis zu 8.000 Betriebsstunden im Jahr und – je nach Größe – Strom für bis zu 12.000 Haushalte.
Auf der eigenen Internetseite findet sich dafür ein eher unbescheidener Satz:
„Die Lösung für das globale Energieproblem.“1ENERGYTOWERS.DE
Unternehmensdarstellung zur Funktionsweise der hydrostatischen Auftriebstechnik, zum Leistungsbereich sowie zum eigenen Anspruch der Technologie.
Nun gut. Warum klein anfangen?
Wenn das funktioniert, wie angekündigt, wäre Energy Towers tatsächlich eine bemerkenswerte Technologie. Nur gibt es da diese lästige Angewohnheit der Physik: Sie lässt sich von Hochglanzbroschüren relativ wenig beeindrucken.
Die Geschichte kennen wir irgendwoher
Es ist ja nicht so, dass Anleger zum ersten Mal eingeladen werden, bei der nächsten großen Sache von Anfang an dabei zu sein.
Bei Prokon ging es um grüne Energie, attraktive Renditen und eine bessere Zukunft. Rund 75.000 Anleger hatten etwa 1,4 Milliarden Euro über Genussrechte investiert. 2014 folgte die Insolvenz.2ZEIT.DE
ZEIT und Reuters berichteten über rund 75.000 Anleger und knapp 1,4 Milliarden Euro Genussrechtskapital bei Prokon.
Bei JuicyFields klang die Geschichte ebenfalls wunderbar: Anleger sollten sich am Anbau von medizinischem Cannabis beteiligen. Pflanzen finanzieren, wachsen lassen, ernten – und dabei attraktive Renditen kassieren. Europäische Ermittler sprachen später von einem internationalen Betrugssystem mit Schäden in dreistelliger Millionenhöhe.3REUTERS.COM
Reuters berichtete über Ermittlungen zu JuicyFields, rund 645 Millionen Euro mutmaßlichen Schaden und etwa 180.000 Investoren.
Und Theranos wollte mit wenigen Tropfen Blut die Labordiagnostik revolutionieren. Milliardenbewertung, prominente Investoren und weltweite Aufmerksamkeit inklusive. Nur die Technologie hatte am Ende erhebliche Schwierigkeiten, mit der Geschichte Schritt zu halten.4JUSTICE.GOV
Das US-Justizministerium dokumentiert Holmes’ Anlegerbetrug und die im Verfahren nachgewiesenen erheblichen Probleme der Theranos-Bluttesttechnologie.
Natürlich sind diese Fälle kein Beleg dafür, dass bei Energy Towers etwas Vergleichbares geschieht. Dafür gibt es derzeit keine belastbaren Anhaltspunkte.
Sie zeigen lediglich ein Muster, das Anleger inzwischen kennen sollten:
Je größer die angekündigte Revolution, desto genauer sollte man nachsehen, ob sie schon funktioniert.
Und damit zurück zu Energy Towers
Denn hier wird es interessant.
Energy Towers spricht bereits von Megawattanlagen, Tausenden versorgten Haushalten und internationaler Skalierung.
Nur der entscheidende industrielle Prototyp fehlt noch.
Nach eigenen Angaben kalkuliert das Unternehmen dafür derzeit mit sechs bis acht Millionen Euro. Aufgebaut und in Betrieb genommen werden soll er bis Ende 2027.
Man kann das nüchtern betrachten: Neue Technologien müssen schließlich irgendwann finanziert werden.
Man kann aber auch eine ziemlich einfache Frage stellen:
Was genau ist heute bereits bewiesen – und was ist noch Erwartung?
Ein kritischer Bericht des Cleantech-Portals Cleanthinking kam bereits zu dem Ergebnis, dass ein öffentlich zugänglicher unabhängiger Nachweis des Gesamtsystems und insbesondere seiner Wirtschaftlichkeit bislang fehle.5CLEANTHINKING.DE
Cleanthinking stellte 2025 fest, dass öffentlich zugängliche unabhängige Nachweise für Gesamtsystem und Wirtschaftlichkeit bislang fehlten.
Das bedeutet nicht, dass Energy Towers nicht funktioniert.
Es bedeutet nur:
Der entscheidende Beweis steht noch aus.
Die Aktie ist schon da
Ganz unbekannt ist Energy Towers am Kapitalmarkt allerdings nicht.
Aktien der Gesellschaft existieren bereits. Sie verfügen über ISINs und werden mit einer außerbörslichen Kursnotierung geführt. Das sollte man allerdings nicht mit einer regulären Börsennotierung verwechseln.6ENERGYTOWERS.DE
Das Wertpapier-Informationsblatt nennt ISIN, fehlenden Börsenhandel, technische Effizienzrisiken und einen möglichen Totalverlust des eingesetzten Kapitals.
Energy Towers weist selbst darauf hin, dass es vorbörslich keinen einheitlichen Handelsplatz gibt. Wer seine Aktien verkaufen möchte, muss grundsätzlich selbst einen Käufer finden.
Der nächste Schritt soll nun der öffentliche Kapitalmarkt sein. Das Unternehmen spricht offen von seinen Börsenplänen und nennt inzwischen das zweite Halbjahr 2027 als Ziel für die Einbeziehung der Aktien in den Freiverkehr einer Börse.7ENERGYTOWERS.DE
Energy Towers nennt aktuell 6–8 Millionen Euro Prototypkosten, Ende 2027 als Ziel und Börsenhandel im zweiten Halbjahr 2027.
Und spätestens hier wird die zeitliche Reihenfolge interessant.
Denn ebenfalls bis Ende 2027 soll jener industrielle Prototyp entstehen und in Betrieb gehen, der zeigen muss, ob das Konzept im größeren Maßstab tatsächlich hält, was heute bereits darüber erzählt wird.
Man könnte es etwas salopp formulieren:
Die Aktie ist schon da. Der Börsenplan auch. Nur der Tower muss noch beweisen, was er kann.
Das ist weder verboten noch bei jungen Technologieunternehmen außergewöhnlich.
Aber Anleger sollten wissen, worin sie investieren.
Nicht in die Skalierung eines Kraftwerks, das seit Jahren zuverlässig Strom produziert und dessen Wirtschaftlichkeit aus realen Betriebsdaten bekannt ist.
Sondern in die Erwartung, dass genau dieser Nachweis gelingen wird.
Wir hätten deshalb ein paar ziemlich langweilige Fragen
Uns interessieren momentan weniger die 12.000 Haushalte.
Wir würden gerne wissen:
- Was produziert der erste industrielle Tower tatsächlich?
- Wie hoch ist der gemessene Gesamtwirkungsgrad?
- Wie hoch sind Bau- und Wartungskosten?
- Wie zuverlässig läuft die Anlage über Tausende Betriebsstunden?
- Und was kostet am Ende eine tatsächlich erzeugte Kilowattstunde?
Zugegeben: Das klingt deutlich weniger sexy als die „Lösung für das globale Energieproblem“.
Dummerweise sind es genau diese Zahlen, mit denen später Geld verdient werden muss.
Ist Energy Towers also das nächste Versprechungsunternehmen?
Das wissen wir nicht.
Und es wäre unseriös, das heute zu behaupten.
Vielleicht funktioniert die Technologie hervorragend. Vielleicht entsteht hier tatsächlich etwas, das industrielle Abwärme künftig sinnvoll und wirtschaftlich zur Stromerzeugung nutzt.
Aber nach JuicyFields, Prokon, Theranos und einer langen Reihe anderer großer Zukunftsgeschichten darf man als Anleger vielleicht eine gewisse Skepsis entwickelt haben.
Deshalb sollte man die Reihenfolge ruhig einmal umdrehen:
Nicht erst von der Revolution erzählen und anschließend hoffen, dass die Technik mitspielt.
Sondern:
Erst zeigen, dass es funktioniert. Dann über die Revolution reden.
Energy Towers bekommt dafür seine Chance. Der Prototyp soll bis Ende 2027 stehen.
Wir schauen ihn uns gerne an.
Am liebsten laufend.
Mit Messgeräten.
Und nicht mit PowerPoint.
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