Die CDU zwischen Standortlogik und Integrationsversprechen
Der 38. Bundesparteitag der CDU markierte nicht nur eine organisatorische Weichenstellung, sondern auch eine programmatische Zuspitzung in der Migrationsdebatte. Im Zentrum stand dabei die Frage, welche Rolle Migration für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands spielt.
Der 38. Bundesparteitag der CDU Deutschlands fand am 20. und 21. Februar 2026 in Stuttgart statt.¹ Carsten Linnemann wurde dort mit 90,5 Prozent der Delegiertenstimmen als Generalsekretär bestätigt.²
Migration als Funktionsfrage des Staates
Carsten Linnemann ist Generalsekretär der CDU Deutschlands.³ In seiner Rede formulierte er einen zentralen Satz, der die Stoßrichtung der Partei deutlich machte: „Ohne diese Menschen würde der Staat nicht funktionieren (…) Wir brauchen diese Menschen.“⁴ Diese Aussage bezog sich ausdrücklich auf Menschen mit Migrationshintergrund, die in Gastronomie, Pflege, Gesundheit, Handwerk und weiteren systemrelevanten Bereichen tätig sind.
Damit verschiebt die CDU die Argumentation von einer moralischen auf eine funktionale Ebene. Es geht nicht um abstrakte Weltoffenheit, sondern um konkrete Arbeitsmarkt- und Systemstabilität. Migration wird als notwendiger Bestandteil der volkswirtschaftlichen Realität beschrieben, nicht als ideologisches Projekt. Diese Perspektive betont die ökonomische Verwobenheit moderner Gesellschaften und stellt Leistungsfähigkeit in den Vordergrund.
Politische Abgrenzung und Integrationsversprechen
In derselben Rede erklärte Linnemann, die CDU sei „die Partei, die hinter diesen Menschen steht“.⁵ Damit verbindet sich ein klares politisches Signal: Die Partei positioniert sich als Vertreterin einer migrationspolitischen Linie, die Leistung anerkennt und Integration über Teilhabe definiert. Gleichzeitig grenzt sich die CDU damit deutlich von Positionen ab, die pauschal über „Remigration“ oder systematische Rückführungsprogramme sprechen. Die Rhetorik Linnemanns setzt auf Zuversicht und wirtschaftliche Rationalität. Der Staat funktioniere nur mit jenen, die arbeiten, pflegen, unterrichten, produzieren und Dienstleistungen erbringen – unabhängig vom Migrationshintergrund. Die politische Strategie dahinter ist klar erkennbar: Migration wird nicht als Selbstzweck legitimiert, sondern als Bestandteil einer leistungsorientierten Gesellschaft. Die CDU versucht damit, eine Brücke zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und ordnungspolitischer Kontrolle zu schlagen.
Wirtschaftspolitischer Realismus statt Symboldebatte
Der wirtschaftliche Kontext ist entscheidend. Deutschland steht unter dem Druck struktureller Veränderungen, demografischer Verschiebungen und Fachkräfteengpässen. In dieser Lage wird Migration als Faktor zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes interpretiert. Die Argumentation folgt einer funktionalen Logik: Wenn zentrale Branchen ohne zugewanderte Arbeitskräfte nicht mehr arbeitsfähig wären, dann wird Migration zur systemischen Voraussetzung wirtschaftlicher Stabilität. Damit wird das Thema aus der identitätspolitischen Polarisierung herausgelöst und in eine Standortdebatte eingebettet. Diese Verschiebung ist strategisch. Sie ermöglicht es der CDU, gleichzeitig auf Ordnung, Begrenzung und Steuerung zu pochen – und dennoch die wirtschaftliche Realität anzuerkennen. Migration erscheint in dieser Lesart weder als grenzenloses Ideal noch als Bedrohung, sondern als regulierbares Instrument wirtschaftlicher Vernunft.
Zwischen Reformrhetorik und Strukturpolitik
Der Parteitag war insgesamt von Reformrhetorik geprägt. Neben Migrationsfragen standen Strukturreformen in Sozial-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik im Mittelpunkt. Migration wurde dabei nicht isoliert diskutiert, sondern als Teil einer umfassenden Modernisierungsagenda. Die CDU versucht, Migration in ein Gesamtbild einzufügen: klare Regeln, Leistungsprinzip, staatliche Handlungsfähigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Der Diskurs ist damit weniger moralisch aufgeladen als in früheren Phasen der Debatte. Ob diese Strategie trägt, hängt von der Glaubwürdigkeit der Umsetzung ab. Die Herausforderung besteht darin, einerseits Integrationsbereitschaft zu signalisieren und andererseits ordnungspolitische Erwartungen der eigenen Wählerschaft zu erfüllen. Der Parteitag in Stuttgart hat jedenfalls deutlich gemacht, dass die CDU Migration nicht als Randthema behandelt, sondern als Kernfrage staatlicher Funktionsfähigkeit und wirtschaftlicher Zukunftsfähigkeit versteht.
Quellenverzeichnis:
- [¹] CDU Deutschlands – Bundesparteitag Stuttgart 2026 „Der 38. Bundesparteitag der CDU Deutschlands fand am 20. und 21. Februar 2026 in Stuttgart statt.“ Abrufdatum: 23.02.2026 https://www.cdu.de/aktuelles/cdu-deutschlands/klarer-kurs-echte-reformen-linnemann-bewegt-die-cdu/
- [²] CDU Deutschlands – Wahlergebnis Generalsekretär 2026 „Carsten Linnemann wurde mit 90,5 Prozent der Delegiertenstimmen im Amt bestätigt.“ Abrufdatum: 23.02.2026 https://www.cdu.de/aktuelles/cdu-deutschlands/klarer-kurs-echte-reformen-linnemann-bewegt-die-cdu/
- [³] CDU Deutschlands – Präsidium „Generalsekretär: Carsten Linnemann“ Abrufdatum: 23.02.2026 https://www.cdu.de/partei/praesidium
- [⁴] Rede von Carsten Linnemann – 38. Bundesparteitag „Ohne diese Menschen würde der Staat nicht funktionieren (…) Wir brauchen diese Menschen.“ Abrufdatum: 23.02.2026 https://www.youtube.com/watch?v=E5YSX9X-0yo
- [⁵] Rede von Carsten Linnemann – 38. Bundesparteitag „Die CDU ist die Partei, die hinter diesen Menschen steht.“ Abrufdatum: 23.02.2026 https://www.youtube.com/watch?v=E5YSX9X-0yo
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