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Reiche: „Millionen Tote“ als Rüstungs-Push

Kurzfassung

Als Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche den Ukrainekrieg als „entscheidenden Push“ für moderne Rüstungstechnologien beschrieb, verband sie tägliches Sterben mit Wachstumssprache. Besonders schwer wiegt ihre Formulierung von „mittlerweile Millionen von Toten“ auf beiden Seiten. Das dokumentierte Pressestatement lässt kaum Zweifel am Wortlaut.1Pressestatement zur Startup- und Scaleup-Strategie
Das verlinkte Video dokumentiert Reiches Erklärung zum Defence-Tech-Sektor und die Formulierung über Tote, Wachstum und einen technologischen Push.

Die Zahl ist nach öffentlich verfügbaren Daten nicht belegt. Die Vereinten Nationen hatten bis Mitte Juli 2026 mindestens 16.431 getötete Zivilisten in der Ukraine verifiziert.2UN: Zivile Opfer in der Ukraine bis Juli 2026
Die UN-Mission hatte bis zum 14. Juli 2026 mindestens 16.431 zivile Todesopfer verifiziert und betont, dass tatsächliche Zahlen höher liegen.
Das Center for Strategic and International Studies schätzt die militärischen Todesfälle auf russischer Seite auf 400.000 bis 450.000 und auf ukrainischer Seite auf 125.000 bis 150.000. Über zwei Millionen werden dort als Tote, Verwundete und Vermisste zusammengezählt – also als „casualties“, nicht als Todesfälle.3CSIS: Militärische Verluste und Todesfälle
CSIS schätzt bis Juni 2026 zusammen 525.000 bis 600.000 militärische Todesfälle, aber mehr als zwei Millionen militärische Gesamtverluste.

Reiche könnte sich versprochen oder Begriffe verwechselt haben. Politisch bleibt der Satz dennoch fatal. Der Staat darf Verteidigungstechnologie fördern, wenn er sie sicherheitspolitisch für notwendig hält. Er sollte aber nicht den Eindruck erzeugen, Kriegstote seien Rohstoff einer Wachstumsstrategie. Wer das Schlachtfeld als Innovationsbeschleuniger beschreibt, muss ebenso klar sagen, wie Frieden zum politischen und wirtschaftlichen Ziel bleibt.

 

Artikel

 

 

Katherina Reiche wollte die neue Startup- und Scaleup-Strategie als wirtschaftspolitischen Aufbruch präsentieren. Heraus kam zugleich ein Satz, der die moralische Grenze zwischen Sicherheitsvorsorge und Kriegsdividende gefährlich verwischt. Wenn eine Bundeswirtschaftsministerin tägliche Tote, angeblich bereits „Millionen“, als Auslöser eines technologischen „Pushs“ beschreibt, drängt sich eine Frage auf: Wird hier notwendige Verteidigungsfähigkeit erklärt – oder wird das Sterben zum Konjunkturargument umetikettiert?

Der Kontext entlastet die Ministerin nur teilweise. Reiche sprach über Drohnen, Hyperschallwaffen und junge Unternehmen, die schneller entwickeln können als klassische Rüstungskonzerne. Sie wollte offenkundig begründen, warum der Staat Verteidigungstechnologie stärker fördern soll. Genau deshalb wiegt ihre Wortwahl schwer. Sie fiel nicht in einem privaten Gespräch, sondern in einer wirtschaftspolitischen Präsentation, in der Kapital, Wachstum und staatliche Aufträge im Mittelpunkt standen.4Phoenix: Pressestatement von Katherina Reiche
Phoenix stellt das vollständige Pressestatement vom 22. Juli 2026 mit anschließender Einordnung durch den Startup-Verband in der ARD-Mediathek bereit.

Die Zahl ist falsch – die Wortwahl ist schlimmer

Öffentlich verfügbare Schätzungen stützen die Behauptung von „Millionen von Toten“ nicht. Seriöse Erhebungen unterscheiden zwischen Todesfällen und „casualties“, also der Gesamtheit aus Getöteten, Verwundeten und Vermissten. Für russische und ukrainische Streitkräfte zusammen liegen Schätzungen der militärischen Todesfälle deutlich unter einer Million. Die Marke von zwei Millionen wird hingegen bei den gesamten militärischen Verlusten überschritten. Hinzu kommen zivile Opfer, deren vollständige Erfassung wegen besetzter Gebiete, zerstörter Archive und fehlender Zugänge unmöglich bleibt. Die tatsächliche Zahl der Toten ist zweifellos höher als die verifizierten Mindestwerte, aber daraus werden nicht automatisch „Millionen“.

Man kann Reiche zugutehalten, dass sie sich versprochen oder „Tote“ und „Verluste“ verwechselt haben könnte. Doch ein solcher Versprecher wäre nicht nebensächlich. Wer über Krieg spricht, muss sprachlich präzise sein, gerade wenn die Aussage unmittelbar in eine ökonomische Erfolgserzählung übergeht. Tote sind keine Kennzahl für Marktdynamik. Verwundete, Vermisste und Gefallene lassen sich nicht zu einer beeindruckenden Großzahl verschmelzen, um anschließend den Innovationsschub der Rüstungsbranche zu illustrieren.

Die Bundesregierung hat die neue Strategie ausdrücklich auch auf Startups aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ausgeweitet. Sie will Gründungen erleichtern, Wachstumskapital mobilisieren und Innovationen in Deutschland halten.5Bundeskabinett beschließt Startup- und Scaleup-Strategie
Das Wirtschaftsministerium bestätigt rund 150 Maßnahmen und die erstmalige ausdrückliche Einbeziehung von Startups aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.
Das kann sicherheitspolitisch begründbar sein. Dabei wird auf europäische Fähigkeitslücken und die geringe Geschwindigkeit klassischer Beschaffungsverfahren verwiesen. Der Ukrainekrieg zeigt zudem, wie schnell Drohnen, Sensorik, künstliche Intelligenz und elektronische Kampfführung weiterentwickelt werden. Die notwendige Debatte lautet daher nicht, ob solche Technologien existieren dürfen. Sie lautet, nach welchen Zielen, Grenzen und demokratischen Kontrollen der Staat sie finanziert.

Der Staat wird Kunde, Investor und Marktmacher

Reiche bezeichnet den Staat als „Ankerkunden“ der Branche. Nach ihrer Darstellung wurden im vergangenen Jahr mehr als 1,3 Milliarden Euro Kapital im Defence-Tech-Bereich mobilisiert und durch öffentliche Aufträge gehebelt. Zugleich sieht die Strategie ein Instrument für direkte Bundesbeteiligungen an Unternehmen vor, die eindeutig militärisch nutzbare Produkte entwickeln.6ZDF: Direktinvestitionen in Rüstungs-Startups
ZDF berichtet über 1,3 Milliarden Euro mobilisiertes Kapital, öffentliche Hebelung, den Staat als Ankerkunden und geplante direkte Bundesbeteiligungen.
Damit ist der Staat nicht mehr nur Regulierer und Beschaffer. Er wird Kunde, Kapitalgeber und politischer Marktmacher zugleich.

Das kann ein strukturelles Problem lösen: Junge Technologieunternehmen scheitern häufig nicht an Ideen, sondern an langen Beschaffungszyklen, fehlenden Referenzkunden und zu kleinen europäischen Finanzierungsrunden. Ein großer staatlicher Auftrag kann Produktion absichern, Investoren anziehen und Skalierung ermöglichen. Reiche argumentiert, gut eingesetzte Verteidigungsausgaben könnten zusätzliches Wirtschaftswachstum von 0,5 bis 1,0 Prozent erzeugen. Das ist die Logik einer industriepolitisch organisierten Nachfrage.7Reuters: Staatliche Beteiligungen und Großaufträge
Reuters dokumentiert Reiches Wachstumsprognose von 0,5 bis 1,0 Prozent sowie ihre Begründung großer Staatsaufträge als wirtschaftliche Absicherung.

Doch genau diese Logik verlangt strengere Kontrolle. Wenn der Staat ein Unternehmen finanziert, dessen Produkte bestellt und dessen Markt politisch vergrößert, dürfen Erfolg und Sicherheit nicht allein an Umsatz, Unternehmenswert oder Exportzahlen gemessen werden. Entscheidend ist, ob ein System militärisch benötigt wird, ob es Soldaten und Zivilisten tatsächlich besser schützt, ob Beschaffungspreise nachvollziehbar sind und ob Export-, Menschenrechts- und Völkerrechtsstandards eingehalten werden. Sonst entsteht ein Sektor, dessen Geschäftsmodell von dauerhafter Bedrohung lebt und dessen politische Fürsprecher zugleich über die Größe seines Marktes entscheiden.

Rüstung kann schützen – aber sie ist kein normaler Wachstumsmotor

Die europäische Aufrüstung ist längst ein makroökonomischer Faktor. Die Europäische Verteidigungsagentur beziffert die Verteidigungsausgaben der EU-Staaten für 2025 auf 418 Milliarden Euro und erwartet für 2026 rund 454 Milliarden Euro.8Europäische Verteidigungsagentur: Verteidigungsausgaben
Die Europäische Verteidigungsagentur meldet 418 Milliarden Euro Ausgaben 2025 und prognostiziert 454 Milliarden Euro für 2026 in der Europäischen Union.
Das entspricht immer größeren öffentlichen Mittelströmen in Personal, Forschung, Infrastruktur und Beschaffung. Gleichzeitig meldete SIPRI für die hundert größten Rüstungsunternehmen im Jahr 2024 einen Rekordumsatz von 679 Milliarden US-Dollar. Kriege und geopolitische Spannungen treiben Nachfrage, Auftragsbestände und Bewertungen.9SIPRI: Rekordumsatz der größten Rüstungskonzerne
SIPRI verzeichnete 2024 für die hundert größten Rüstungsunternehmen einen Rekordumsatz von 679 Milliarden US-Dollar, 5,9 Prozent mehr als 2023.

Daraus folgt jedoch nicht, dass Rüstungsausgaben ökonomisch kostenloses Wachstum erzeugen. Jeder Euro hat eine alternative Verwendung. Zusätzliche Produktion kann Beschäftigung und technologische Spillover schaffen, sie bindet aber ebenfalls Fachkräfte, Kapital, Energie und industrielle Kapazitäten. Eine Rakete kann sicherheitspolitisch notwendig sein, erzeugt aber keinen zivilen Wohlstand wie eine produktive Infrastruktur, eine neue Fabrik oder eine medizinische Innovation. Ihre ökonomische Rechtfertigung liegt primär in Abschreckung und Verteidigung, nicht im Konsumnutzen.

Auch die Ukrainehilfe verändert sich von der Abgabe vorhandener Bestände hin zu langfristigen Industrieverträgen. Das Kiel Institut dokumentierte bereits bis Juni 2025 europäische Beschaffungszusagen von mindestens 35,1 Milliarden Euro für militärische Hilfe.10Ukraine Support Tracker: Industrielle Rüstungsbeschaffung
Der Ukraine Support Tracker beziffert Europas industrielle Beschaffung militärischer Ukrainehilfe bis Juni 2025 auf mindestens 35,1 Milliarden Euro.
Diese Entwicklung kann Lieferfähigkeit und Planungssicherheit verbessern. Sie schafft aber ebenfalls dauerhafte Produktionsinteressen. Deshalb muss die Politik verhindern, dass aus einer zeitlich begründeten Sicherheitsanstrengung ein selbstreferenzielles Wachstumsmodell wird, das neue Ausgaben schon deshalb verlangt, weil Kapazitäten aufgebaut wurden.

Eine Friedensdividende braucht einen politischen Exit

Die entscheidende Grenze verläuft nicht zwischen Pazifismus und Verteidigungsfähigkeit. Ein Staat hat die Pflicht, seine Bevölkerung zu schützen und Bündnisverpflichtungen ernst zu nehmen. Moderne Drohnenabwehr, Aufklärung, Schutzsysteme und resilientere Kommunikation können Leben retten. Ebenso real ist jedoch die Gefahr, dass militärische Innovation mit wirtschaftlicher Erlösung verwechselt wird. Dann erscheint der Krieg nicht mehr nur als Katastrophe, sondern zugleich als Marktöffner, Technologietest und Wachstumsmotor.

Genau deshalb braucht jede Rüstungsstrategie einen friedenspolitischen Exit. Dazu gehören transparente Bedarfsprüfungen, parlamentarische Kontrolle, klare Exportregeln, überprüfbare Preis- und Gewinnstrukturen, Regeln für staatliche Beteiligungen und eine Planung dafür, wie militärische Kapazitäten bei sinkender Bedrohung wieder reduziert oder zivil genutzt werden können. Wer nur den Aufbau finanziert, aber den möglichen Rückbau nicht denkt, baut eine politische Abhängigkeit von dauerhaft hohen Bedrohungslagen auf.

Reiches Satz ist deshalb mehr als eine missglückte Formulierung. Er macht sichtbar, wie schnell sich der Ton verschiebt, wenn Krieg in den Zuständigkeitsbereich der Wachstumspolitik gerät. Verteidigungsfähigkeit kann notwendig sein. Aber eine Bundesregierung, die Tote als „Pushfaktor“ beschreibt, muss sich fragen lassen, ob sie noch sauber zwischen dem Preis des Krieges und dem Geschäft mit seiner Bewältigung trennt. Frieden darf wirtschaftspolitisch niemals wie das Ende eines erfolgreichen Förderprogramms erscheinen.

 

Pressekontakt:
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Redaktion Politik/Wirtschaft
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E-Mail: info(at)emhmail.ch
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