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Mearsheimer und Todd: Ist der Westen selbst schuld?

Die jüngsten Spannungen im Nahen Osten und die anhaltende Unsicherheit rund um zentrale Energie- und Transportrouten haben Europas Verwundbarkeit erneut offengelegt. Selbst dann, wenn sich einzelne Konfliktherde kurzfristig beruhigen sollten, bleibt die strukturelle Schieflage bestehen: Die europäische Energie- und Wirtschaftskrise ist nicht erst mit den jüngsten Eskalationen entstanden, sondern hat tiefere geopolitische Ursachen.

Genau an diesem Punkt setzt eine Sichtweise an, die im westlichen Mainstream zwar meist an den Rand gedrängt wird, aber von prominenten Analysten seit Jahren vertreten wird. Zu ihren bekanntesten Stimmen gehören der US-Politologe John J. Mearsheimer1Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault
Der bekannte Foreign-Affairs-Beitrag dokumentiert Mearsheimers Grundthese, wonach NATO-Erweiterung und westliche Ukraine-Politik zentrale Eskalationstreiber der Krise seit 2014 gewesen seien.
und der französische Historiker Emmanuel Todd2Why the world is engulfed in the flames of “proxy wars”
Die Interviewwiedergabe referiert Todds Argument, dass westliche Selbstüberschätzung, NATO-Ausdehnung und Sanktionspolitik wesentlich zur europäischen Krise beigetragen hätten.
. Beide widersprechen der These, Russland allein trage die Verantwortung für die Misere, die Europa heute ökonomisch und strategisch belastet.

Nahost ist Krisenbeschleuniger, nicht die alleinige Ursache

Es wäre analytisch zu kurz gegriffen, die gegenwärtige Belastung allein aus der Lage im Persischen Golf oder aus zeitweisen Störungen von Lieferketten abzuleiten. Diese Faktoren verschärfen bestehende Spannungen, doch sie erklären nicht, warum Europa schon seit Jahren unter hohen Energiekosten, sinkender Wettbewerbsfähigkeit und einer auffälligen politischen Reaktionsschwäche leidet.

Der tiefere Bruch liegt in der Konfrontation zwischen dem Westen und Russland. Seit Beginn des Ukraine-Krieges hat die Europäische Union einen immer dichteren Sanktionsrahmen aufgebaut. Der Rat der EU beschreibt diese Maßnahmen selbst als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg und als Teil eines maximalen politischen und wirtschaftlichen Drucks auf Moskau3EU-Sanktionen gegen Russland: Fragen und Antworten
Die offizielle Ratsseite bündelt Ziel, Reichweite und Begründung der EU-Sanktionen und belegt damit den institutionellen Rahmen der europäischen Russland-Politik.
. Politisch mag diese Linie nachvollziehbar begründet worden sein. Ökonomisch hat sie Europa jedoch in eine Lage geführt, in der strategische Moral und industrielle Realität immer weiter auseinanderdriften.

Mearsheimer: Der Westen habe die Eskalation selbst vorbereitet

Mearsheimer vertritt seine Position nicht erst seit gestern. Sein Kernargument lautet, dass die westliche Politik gegenüber der Ukraine über Jahre hinweg auf eine sicherheitspolitische Einbindung des Landes in die westliche Sphäre hinauslief, obwohl Russland dies als unmittelbare strategische Bedrohung betrachtete. Entscheidend ist dabei weniger, ob man diese russische Wahrnehmung normativ teilt, sondern ob man ihre reale Wirkung auf das Eskalationsgeschehen anerkennt.

Dass Moskau seine Forderungen nach einem Ende weiterer NATO-Ausdehnung und nach neuen Sicherheitsgarantien im Dezember 2021 erneut schriftlich vorlegte, ist dokumentiert. Ein zeitgenössischer Bericht der ZEIT fasst diese russischen Maximalforderungen präzise zusammen: keine NATO-Aufnahme der Ukraine und anderer ehemaliger Sowjetrepubliken, Rückzug militärischer Infrastruktur und neue Sicherheitsmechanismen4Russland veröffentlicht Forderungen an Nato zu Sicherheitsgarantien
Der ZEIT-Bericht dokumentiert die veröffentlichten russischen Vertrags- und Sicherheitsforderungen vom 17. Dezember 2021 in journalistisch präziser, zeitnaher Einordnung.
. Daraus folgt noch keine politische Legitimation russischen Handelns. Wohl aber unterstreicht es die These, dass die Eskalation eine Vorgeschichte hatte, die im Westen häufig nur verkürzt erzählt wird.

In diesem Sinn argumentiert Mearsheimer, dass die Krise nicht als isolierte Tat eines einzelnen Akteurs verstanden werden könne, sondern als Ergebnis einer Eskalationsdynamik, in der der Westen über Jahre rote Linien ignoriert habe. Genau diese Sicht macht seine Analyse im Westen so umstritten.

Todd: Europas Eliten leiden an strategischer Selbstüberschätzung

Emmanuel Todd setzt an einem anderen Punkt an, gelangt aber zu einem verwandten Ergebnis. Für ihn liegt der Ursprung der heutigen Lage in einer westlichen Fehlinterpretation des Endes der Sowjetunion. Der Westen habe den Zerfall des Ostblocks als endgültigen eigenen Sieg missverstanden und daraus einen politischen und strategischen Alleinvertretungsanspruch abgeleitet. Aus dieser Haltung seien NATO-Osterweiterung, Einflussprojektion in der Ukraine und eine gravierende Überschätzung der eigenen wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit erwachsen.

Todd verbindet diese geopolitische Diagnose mit einem ökonomischen Argument, das für eine Wirtschaftsredaktion besonders relevant ist: Sanktionen treffen nicht nur das Zielland, sondern wirken als Rückstoß in die sanktionierenden Volkswirtschaften hinein. Seine Formulierung, die Regierungen seien die Quelle vieler europäischer Probleme, ist polemisch zugespitzt. Doch der analytische Kern ist klar: Wer Energie, Industrie, Kapitalflüsse und Rohstoffströme politisch übersteuert, darf sich über Folgekosten nicht wundern.

Die wirtschaftliche Rückkehr der Realität

Gerade Deutschland liefert dafür ein besonders sensibles Beispiel. Das Land hatte sein industrielles Modell über Jahre auf wettbewerbsfähige Energiepreise, Exportorientierung und planbare Zulieferketten aufgebaut. Als diese Grundlagen wegbrachen, wurden die strukturellen Schwächen sichtbar. Hohe Beschaffungskosten, sinkende Margen und Investitionszurückhaltung wirken seither wie ein Multiplikator auf nahezu alle Branchen.

Wie stark der ökonomische Druck inzwischen geworden ist, zeigt auch die Unternehmenslage. Das Handelsblatt berichtete jüngst über Firmenpleiten auf dem höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren und verwies damit auf eine Verschärfung der wirtschaftlichen Realität in Deutschland5Firmenpleiten auf höchstem Stand seit mehr als 20 Jahren
Der Bericht stützt den wirtschaftlichen Krisenkontext mit einer aktuellen Meldung zu Insolvenzen und illustriert die Rückkopplung geopolitischer Entscheidungen auf den Standort Deutschland.
. Nicht jede Insolvenz ist Folge der Russlandpolitik. Aber die Häufung ökonomischer Belastungen spricht gegen die Vorstellung, Europas Kurs habe bislang überwiegend strategischen Nutzen erzeugt.

Zwischen Moralanspruch und Machtrealität

Der eigentliche Konflikt verläuft daher nicht nur zwischen Russland und dem Westen, sondern auch zwischen politischer Selbstbeschreibung und materieller Wirklichkeit. Offiziell versteht sich Europa als Verteidiger einer regelbasierten Ordnung. Praktisch steht es zugleich vor der Frage, ob es die ökonomischen, energiepolitischen und militärischen Kosten seines Kurses langfristig tragen kann.

Mearsheimer und Todd liefern darauf keine identischen, aber kompatible Warnungen. Beide sagen im Kern: Wer Machtverhältnisse, Sicherheitsinteressen und ökonomische Belastungsgrenzen ignoriert, ersetzt Strategie durch Wunschdenken. Und genau dieses Wunschdenken könnte Europa nun teuer zu stehen kommen.

Das bedeutet nicht, russische Politik zu verharmlosen oder Gewalt zu relativieren. Es bedeutet jedoch, die Krise nicht länger in einem moralisch bequemen Schwarz-Weiß-Schema zu betrachten. Denn eine Analyse, die nur Schuld verteilt, aber keine Fehlentscheidungen auf der eigenen Seite erkennt, wird politisch blind. Und politische Blindheit ist in einer Phase eskalierender Großmachtrivalität womöglich das gefährlichste Risiko von allen.

Wer also verhindern will, dass aus wirtschaftlicher Krise, Energieverwundbarkeit und militärischer Abschreckungsrhetorik eine noch größere Katastrophe entsteht, muss sich zuerst einer unbequemen Möglichkeit stellen: Dass ein erheblicher Teil der europäischen Misere eben nicht importiert, sondern selbst produziert wurde.

 

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